2013 - Das Zwerenberger Vokalensemble feiert 30-jähriges Jubiläum

Aus der Festschrift zum 30-jährigen Jubiläum des Zwerenberger Vokalensembles

Der Zeitpunkt der Gründung des Zwerenberger Vokalensembles im Herbst 1983 war kein Zufall, sondern ein bewusster und symptomatischer Schritt Ulrich Seegers auf seinem Weg vom musikbegeisterten Schüler zum hauptberuflichen Kirchenmusiker. Bereits als 15-jähriger Schüler hatte er 1977 die Leitung des Zwerenberger Kirchenchors übernommen und schon zwei Jahre später die Konzertreihe der Zwerenberger Kirchenkonzerte begründet. In bester Kirchenchortradition wurden unter der Leitung des jungen, außerordentlich ambitionierten Schülers in den Jahren bis 1983 die großen Festtage des Kirchenkalenders musikalisch mit Konzerten zur Oster- und in der Adventszeit gefeiert. Ungewöhnlich war dabei die Programmwahl, standen doch bei diesen Konzerten Kantaten von J. S. Bach fast immer im Mittelpunkt der Programmgestaltung – außerordentlich anspruchsvoll für einen ländlichen Kirchenchor und ein deutlicher Hinweis auf den besonderen Ehrgeiz dieses jungen Musikers.

Ein Jahr nach Beginn seines Kirchenmusikstudiums in Heidelberg entschloss sich Ulrich Seeger im Herbst 1983 zur Gründung eines eigenen Vokalensembles, um mit diesem auch außerhalb der kirchenmusikalischen Hoch-Zeiten anspruchsvolle Kirchenmusik-Konzertprogramme einstudieren und aufführen zu können. Die Ausrichtung auf ein überregional besetztes, als Projektchor mit wenigen intensiven Proben konzipiertes Ensemble versprach dabei Ulrich Seegers zunehmend gestiegenen musikalischen Ambitionen in besonderer Weise gerecht zu werden. Gleich das Programm des „Gründungskonzertes“ ist hierbei symptomatisch mit der Auswahl von Anton Bruckners frühreifem, bei allen Qualitäten noch nicht ganz formvollendetem und allenthalben selten aufgeführtem Requiem, der Bach-Kantate Aus der Tiefe (ebenfalls ein Frühwerk) und einem eigenen Werk Ulrich Seegers. Schon hier zeigt sich der Anspruch, der die gesamte Entwicklung der kommenden Jahre prägen sollte: die Auswahl von ausdrucksstarken, oftmals eher unbekannten Kompositionen – verbunden mit dem Bemühen, die besonderen musikalischen Qualitäten dieser Werke und deren immanente theologische Aussage durch eine besonders intensive musikalische Darbietung den Konzertbesuchern zu vermitteln.

Allerdings bedeutete dieser musikalisch notwendige Schritt vom Kirchenchor zum Vokalensemble zwangsläufig auch eine Loslösung von den Zwerenberger Wurzeln, denn ab diesem Zeitpunkt war Ulrich Seegers Programmgestaltung derart anspruchsvoll, dass sie nicht mehr von einem normalen Kirchenchor zu bewältigen gewesen wäre. Somit ergab sich von Anbeginn die Konstellation, dass die Mitglieder des Vokalensembles größtenteils nicht aus Zwerenberg, dem Geburtsort seines Gründers, stammten, sondern sich aus einem zunehmend größeren Umkreis heraus, der letztendlich von Zürich bis Berlin reichte, zu den intensiven Proben- und Konzertwochenenden im kleinen Schwarzwaldort Zwerenberg trafen und bis heute treffen. Dabei geschieht dies von Beginn an bis heute auf der Basis der freundschaftlichen Verbundenheit zu Ulrich Seeger und der Bewunderung für seine außergewöhnliche musikalische Arbeit. Alle anfallenden Kosten für Anreise, Noten, Verpflegung und gegebenenfalls Übernachtung werden grundsätzlich von den Projektteilnehmern selbst getragen und das Ensemble hat niemals semiprofessionelle Strukturen entwickelt, um sich seine Erfolge quasi zu „erkaufen“.

Mit dem ersten Konzerttermin des Vokalensembles im Oktober 1983 wurde auch die spezielle Tradition begründet, jedes Jahr in der Herbstzeit ein besonders ambitioniertes, oftmals groß besetztes Konzertprogramm zur Aufführung zu bringen. Bereits ein Jahr später, im Herbst 1984, standen zwei der großen Psalm-Kantaten Mendelssohn Bartholdys auf dem Programm. Mit diesem Programm erfolgte erstmals der Schritt vom um einige Bläser erweiterten Streichorchester zum groß besetzten klassisch-romantischen Orchester. Dieser erweiterte orchestrale Aufwand war ein deutliches Indiz für den sich kontinuierlich steigernden Anspruch in punkto Aufwand und Qualität der Konzerte des Ensembles. Die Konzerte im Herbst wurden in der Folge zu einem Eckpfeiler im Jahreskalender des Zwerenberger Vokalensembles, denn sie erklangen außerhalb des kirchlichen Festtagskalenders. Darunter zählen unter anderem das Requiem von Mozart, Ein deutsches Requiem von Brahms, der Elias von Mendelssohn Bartholdy, Anton Bruckners Messe in f-Moll, die As-Dur Messe von Schubert oder, als barockes Highlight, das Oratorium Israel in Ägypten von G. Fr. Händel.

Neben den Konzerten im Herbst waren immer die Konzerte in der (Nach-)Weihnachtszeit und in der Passionszeit die fest etablierten Konzerttermine des Vokalensembles. Bedauerlicherweise hat es sich aus vielfältigen organisatorischen Gründen in den letzten Jahren als zunehmend schwierig erwiesen, den Konzerttermin in der Passionszeit aufrechtzuerhalten. Diese kammermusikalisch klein besetzten Konzerte waren dank ihres Bezugs auf die Passionszeit und ihrer inhaltlich immer sehr anregenden Gegenüberstellung von barocken und modernen Werken trotz oder gerade wegen ihres fehlenden äußeren Glanzes sehr oft von besonderer musikalischer Intensität geprägt gewesen. Dafür haben sich in den letzten Jahren die nachweihnachtlichen Neujahrskonzerte mit Aufführungen um den 6. Januar zu einer bei Publikum wie Ausführenden besonders lieb gewordenen Tradition entwickelt, die mittlerweile zu einer fest eingerichteten Institution geworden sind. Gerade die Konzerte der letzten Jahre mit ihrem Schwerpunkt in der Aufführung mehrchöriger Werke des italienischen und deutschen Frühbarocks haben hier nachdrücklich beeindruckt.

Die programmatische Konzeption und Struktur dieser Neujahrskonzerte steht symptomatisch für den Wandel, den das Ensemble in seiner bisher 30-jährigen Geschichte durchgemacht hat. Begonnen mit einer eher kleinen Schar von jungen, musikbegeisterten Freunden Ulrich Seegers und Programmen aus dem motettischen bzw. Kantaten-Bereich, entwickelte sich das Vokalensemble innerhalb der ersten Dekade seines Bestehens qualitativ wie quantitativ sehr rasant und gipfelte in dieser Hinsicht in den Aufführungen der großen romantischen Oratorien zwischen 1990 und 1996. Es mag ja manchem Uneingeweihten seltsam vorkommen, wenn ein „Vokalensemble“, worunter man sich gemeinhin eine kleinere Sängerschar vorzustellen pflegt, groß besetzte romantische Oratorien aufführt. Diese Großwerke waren aber immer nur ein Teil des Repertoires des Ensembles, das sich mit gleicher Intensität der Aufführung von Kantaten und Motetten aus allen Stilbereichen und Epochen gewidmet hat. Die große Bandbreite des Repertoires von der frühbarocken A-cappella-Motette bis zum sinfonisch besetzten Oratorium des 19. und 20. Jahrhunderts hat sich neben der ungewöhnlichen Ausdrucksstärke der Aufführungen sehr schnell zu einem besonderen Qualitätsmerkmal des Vokalensembles entwickelt.

Durch Wegzug, Beendigung des Studiums und Eintritt in ein festes Berufs- und Familienleben war es vielen Sängerinnen und Sängern bald nicht mehr möglich, an den Projekten des Zwerenberger Vokalensembles teilzunehmen. Das hatte zur Folge, dass in den vergangenen Jahren nur noch vereinzelt Aufführungen mit einem groß besetzten Chor in Angriff genommen wurden, beispielsweise In Terra Pax von Frank Martin zum Kirchentag 2001 in Frankfurt/Main oder die F-Moll-Messe von Anton Bruckner im Rahmen der Jubiläumskonzerte zum 25-jährigen Bestehen des Zwerenberger Vokalensembles 2008. Dafür hat der Chor in der Folge andere Strukturen entwickelt, die in dieser Form zuvor nicht möglich waren, was sich zum Beispiel in mehreren Konzertreisen ins europäische Ausland äußert: Barcelona, Madrid, Istanbul, Venedig und Salzburg waren dabei jeweils nicht nur touristisch reizvolle Ziele, sondern hinterließen auch durch die Fülle verschiedenster Aufführungsorte auch in musikalischer Hinsicht jeweils intensive und bleibende Eindrücke bei allen Teilnehmern dieser Konzertreisen.

Auch innerhalb Deutschlands hat sich das „Tätigkeitsfeld“ des Zwerenberger Vokalensembles in den letzten Jahren verlagert. Waren bis Mitte der 90er Jahre die Aufführungsorte zumeist in den Räumen Nordschwarzwald und Rhein-Neckar gelegen, haben sich seit Ulrich Seegers Tätigkeit als Kantor an der Ev. Stadtkirche in Friedberg/Hessen im Jahr 1995 die Aufführungsorte auf die Räume Nordschwarzwald, Tübingen/Stuttgart und eben Friedberg fokussiert.

Mit besonderer Freude erfüllt es alle Beteiligten, dass es möglich wurde, gerade mit dem anstehenden Jubiläumsprogramm wieder einmal in der Klosterkirche Alpirsbach auftreten zu können, dem Ort, wo in den 90er Jahren einige der musikalischen Sternstunden in der 30-jährigen Geschichte des Vokalensembles erlebt werden durften. Gerade die Aufführung des Elias im Jahr 1993 – also vor genau 20 Jahren – in dem gewaltigen romanischen Bau der Alpirsbacher Klosterkirche wird immer einer der musikalischen Höhepunkte in der Geschichte des Zwerenberger Vokalensembles bleiben. Damals wirkten bis zu 80 Sängerinnen und Sänger bei den Aufführungen mit.

Aus den oben genannten Gründen hat das Ensemble heute noch einen festen Stamm von etwa 40 Sängerinnen und Sängern, der projektweise aufgestockt wird. Und somit setzen nun in aller Regel nicht mehr die Aufführungen der klanggewaltigen romantischen Oratorien die nachdrücklichsten Ausrufezeichen. Vielmehr setzen Ulrich Seeger und sein Ensemble heute besondere Glanzlichter mit den Aufführungen von Werken des Frühbarock, etwa von Monteverdi, Schütz, Rosenmüller u.a. – Kompositionen, die sich im Verhältnis zu den romantischen Oratorien mit einem kleineren personellen Aufwand begnügen, aber eine besonders intensive musikalische Gestaltung verlangen – Qualitäten, die dem Chor in seiner derzeitigen Struktur in besonderem Maße entsprechen.

Einen besonderen programmatischen Schwerpunkt der zurückliegenden Jahre bildete zusätzlich die intensive Auseinandersetzung mit zahlreichen Werken der weitverzweigten Musikerfamilie Bach. Mehrere Konzertprojekte wurden ausschließlich diesem Themenkreis gewidmet. Auch hier war und ist das ständige Bestreben Ulrich Seegers zu spüren, beständig nach dem Neuen (bzw. unentdecktem Alten) Ausschau zu halten und daraus immer wieder ungemein interessante und anregende Konzertprogramme zu gestalten.

Eine erfreuliche Entwicklung der zurückliegenden Jahre ist, dass immer mehr Kinder von Chormitgliedern zu vollwertigen Stimmen reifen und auch gerne regelmäßig bei den Konzertprojekten im Kreis von so vielen Erwachsenen mitwirken. Auch dies ist in dieser Form in der Chorszene eher ungewöhnlich und ein Ausdruck für die auch für Jugendliche attraktive, spezielle Zwerenberger Proben-Athmosphäre, die natürlich zu ganz wesentlichen Teilen durch Ulrich Seeger geprägt ist und deren Ergebnis sich immer wieder in beeindruckender Weise in den Aufführungen auf das Publikum überträgt.

Die beständige Lust an der musikalischen Zusammenarbeit mit Ulrich Seeger, dessen nicht nachlassende Energie und das Zusammenspiel von vielen erfahrenen Stimmen (manche Chormitglieder sind seit der ersten Stunde dabei) mit immer mehr jungen Stimmen sind sicherlich vielversprechende Voraussetzungen, dass das Zwerenberger Vokalensemble noch viele Jahre lang das musikalische Leben im Nordschwarzwald und darüber hinaus in der gewohnten und geschätzten Qualität mitprägen wird.

Armin Schmid